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Open Letter


 

The Fertility of Migrants and Minorities

 

6.2.2017 – 8.2.2017

Leibniz Universität Hannover

 

Antwort auf den offenen Brief des kritnet Netzwerkes für kritische Migrations- und Grenzregmineforschung.

 

 

Sehr geehrtes kritnet-Netzwerk für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung,

Ihren offenen Brief haben wir zur Kenntnis genommen. In Antwort darauf nehmen wir zu folgenden Punkten Stellung:

 

1) Der offene Brief wirft den Veranstaltern des Workshops im Kern vor, eine rassistische Veranstaltung abzuhalten, da diese letztendlich die Fruchtbarkeit von Migrantinnen und Migranten thematisieren. Dieser Vorwurf basiert auf einer bemerkenswerten Unkenntnis der wissenschaftlichen Terminologie im Bereich von Migration und Fertilität. Im Bereich der internationalen sozialwissenschaftlichen Bevölkerungsforschung wird der Begriff „fertility“ ohne biologische Konnotation verwendet. Er erfasst das Ereignis und den Zeitpunkt bzw. die Ereignisse und die Zeitpunkte der Geburt eines Kindes bzw. der Geburten mehrerer Kinder. Hätte der Workshop eine biologische Färbung erhalten sollen, dann hätten wir im Call for Papers Begriffe wie „fecundity“ oder „reproduction“ verwenden müssen. Der Call for Papers verwendet jedoch diese Begriffe bewusst nicht.

Die Begriffe „first“, „second“ und „third migrant generation“ sind gängige Begriffe der internationalen Migrations- und Assimilationsforschung. Sie tragen der Tatsache Rechnung, dass Assimilationsprozesse generationenübergreifend erfolgen und die Geschichte der Ursprungsfamilie einen maßgeblichen Einfluss auf das individuelle Entscheiden und Handeln in der nachfolgenden Generation haben kann.

Die in dem Call for Paper verwendeten Begriffe entsprechen internationalen Standards und werden in dutzenden englischsprachigen Veröffentlichungen verwendet. Ebenso wurde der Call for Papers weltweit an alle Mitglieder der International Union for the Scientific Study of Population (IUSSP) und der European Association for Population Studies (EAPS) versandt. Er wurde ebenfalls auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Soziologie veröffentlicht. Seitens dieser Fachöffentlichkeit wurde keine Kritik an dem Call for Papers an die Veranstalter herangetragen.   

 

2) In dem offenen Brief wird sowohl den Veranstaltern des Workshops als auch den teilnehmenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbstredend unterstellt, ausschließlich mit aggregierten Fertilitätsdaten zu arbeiten und damit eine normativ-nationalistische Sichtweise auf eine ‚abweichende‘ Fertilität von Migrantinnen und Migranten zu verfolgen. Dieser Vorwurf reproduziert stereotype, klischeehafte Vorstellungen von sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsforschung und dokumentiert nochmals eine bemerkenswerte Unkenntnis der Forschung im Bereich von Migration und Fertilität. Zweifelsohne hat das Arbeiten und Argumentieren mit Aggregatdaten eine lange Tradition in den Bevölkerungswissenschaften. Im Bereich der Fertilitätsforschung und damit auch im Bereich der Forschung über Migration und Fertilität verfolgt ein Großteil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hingegen eine Perspektive des methodologischen Individualismus, in dem sich gesellschaftliche Prozesse letztendlich nur auf der Ebene der individuellen Gesellschaftsmitglieder erklären lassen. Mithin dominieren in diesem Bereich quantitativ und qualitativ gewonnene Individualdaten – also genau die Perspektive, die die Autoren des offenen Briefes als automatisch nicht gegeben ansehen –, die die Heterogenität der Lebensbedingungen und -verläufe von Migrantinnen und Migranten und ihrer nachfolgenden Generationen abbilden. Die vergleichende Analyse der Determinanten von Fertilität auf der individuellen Ebene, d.h. ein Verständnis der Faktoren, die dafür ursächlich sind, dass Personen mit und ohne Migrationserfahrung ihre Vorstellungen von Familie und Kindern realisieren können oder nicht, ist kaum mit einer normativen Perspektive ‚abweichender‘ Fertilität von Migrantinnen und Migranten zu verbinden.

Gleichwohl wird im Bereich von Migration und Fertilität dort mit Aggregatdaten gearbeitet, wo deren Verwendung Sinn macht, wie z.B. bei der deskriptiven Darstellung längerfristiger Entwicklungen oder internationaler Vergleiche. Somit werden einige wenige Vorträge auf dem Workshop thematisch hier angesiedelt sein. 

 

3) Die Autoren des offenen Briefes unterstellen den Veranstaltern des Workshops, die Fertilität von Migrationen und Migranten ausschließlich unter einer Perspektive der ‚Anpassung‘ an eine einheimische Mehrheitsbevölkerung zu betrachten. Dies machen sie an dem Begriff „assimilation“ fest. Auch wenn der Begriff „assimilation“ in der US-amerikanischen Migrationsforschung lange mit einer Perspektive der ‚Anpassung‘ verbunden war, so ist er in der europäischen Migrationsforschung eindeutig assoziiert mit einem Prozess wechselseitiger Beeinflussung, mit einem für beide Seiten offenen Ausgang. Aus unserer Sicht ist der Call for Papers klar unter dieser letzten Perspektive formuliert, zumal er auch auf Begriffe der einseitigen Anpassung, wie „integration“ oder „adaption“, verzichtet.

 

4) Die Autoren des offenen Briefs unterstellen den Veranstaltern des Workshops, eine bewusst nationalistische Perspektive zu verfolgen, die letztendlich dazu dienen soll, die gesellschaftlichen Chancen von Migrantinnen und Migranten zu schwächen und die von einheimischen Deutschen zu stärken. Wie die Autoren des offenen Briefs zu dieser Interpretation des Call for Papers kommen, wissen wohl nur sie selbst. Im Call for Papers kommen Deutschland oder andere Nationalstaaten mit keiner Silbe vor und es wird lediglich auf die USA als Ursprung bestimmter Forschungstraditionen verweisen. Zwar ist die Entstehung der Bevölkerungswissenschaften eng mit der Idee des Nationalstaats verbunden, gleichwohl hat sich die Forschung längst von einer orthodoxen Verknüpfung von Bevölkerung und Nation gelöst. Bevölkerungswissenschaftliche Forschung ist zusehends international-vergleichend ausgerichtet. Zum einen, um eine die Grundlagenforschung einschränkende nationalstaatliche Perspektiven zu überwinden, zum anderen, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass bevölkerungswissenschaftlich relevante Lebensereignisse maßgeblich von nationalstaatlich definierten, politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Institutionen beeinflusst werden, die nur in einem internationalen Vergleich identifiziert werden können. Für ein grundlegendes Verständnis der Fertilität von Migrantinnen und Migranten und ihrer nachfolgenden Generationen ist diese vergleichende Perspektive unerlässlich. Gleichwohl kann diese im Bereich der Forschung zu Migration und Fertilität bislang nur sehr eingeschränkt direkt umgesetzt werden, da es nur wenige geeignete Individualdaten gibt. In dieser Situation ist es wichtig, länderspezifische Ergebnisse zusammenzutragen und kritisch zu vergleichen. Genau dies beabsichtigt der Workshop.

Insgesamt haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt Vortragsvorschläge bei uns eingereicht, die die Fertilität von Migrantinnen und Migranten bzw. Minoritäten u.a. in Süd Korea, Nigeria, Mali, Kanada und in verschiedensten europäischen Ländern thematisieren. Lediglich 15% der Einreichungen haben ihren Fokus auf Deutschland.

 

Aus Sicht der Veranstalter des Workshops besteht der offene Brief von kritnet aus stereotypen Vorwürfen gegen eine sozialwissenschaftliche Bevölkerungsforschung. Im Kern arbeiten die Autoren mit den Mitteln, die sie den Veranstaltern vorwerfen. Auch dokumentiert der offene Brief eine höchst problematische Auffassung von Wissenschaft, in dem sozialwissenschaftliche Forschung allein nach normativ-politischen Verwertungsinteressen beurteilt wird. Dies ist eine bemerkenswerte Absage an eine unabhängige Wissenschaft und öffnet einer sozialwissenschaftlichen Forschung Tür und Tor, die allein als Stichwortgeberin und Feigenblatt für Gruppierung jedweder politischer Couleur dient. Eine solche Wissenschaft verliert jegliche Eigenständigkeit und produziert in Abhängigkeit der jeweiligen Herrschaftsverhältnisse normativ ‚gute‘ oder ‚schlechte‘ Ergebnisse, deren Relevanz allein in ihrer politischen Nützlichkeit besteht. Auch spricht diese Sicht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Fähigkeit ab, kritisch über die Konsequenzen ihrer Forschung zu reflektieren und entsprechend zu handeln.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Karina Hoekstra-Wibowo und Christoph Bühler