Im Studium müssen Sie oft viele Texte in kurzer Zeit lesen. Die Vor- und Nachbereitung von Seminaren und Vorlesungen erfordert das Selbststudium von Texten. Insbesondere bei einer Hausarbeit oder einer Abschlussarbeit stellt sich die Frage, wie Sie nach einer Literaturrecherche die gesammelten Texte effizient sichten und lesen können. Daher ist Ihre Fähigkeit, Forschungsliteratur zu überblicken, Inhalte zu filtern und verstehen zu können, entscheidend für Ihr Studium. Diese Ausführungen sind Teil des Selbstlernbereiches des Arbeitsbereiches Bildungssoziologie. Für detaillierte Informationen und Beispiele, nutzen Sie dieses Angebot.
Lesen als Tätigkeit mit Ziel
Sie sollten sich beim Lesen wissenschaftlicher Texte im Studium immer fragen, mit welchem Ziel Sie lesen. Denn je nach Ziel und Zweck des Lesens, können andere Herangehensweisen an den Text und somit andere Lesetechniken sinnvoll sein.
Leseziele können beispielsweise sein:
- Vorbereitung von Prüfungs- und Studienleistungen
- Übersicht über einen Themenbereich erlangen
- Thematisch passende Texte ausmachen
- Spezifische Informationen gezielt im Text finden und nutzen
- Einen zu untersuchenden Text analysieren und interpretieren
- Reflexive und kritische Auseinandersetzung mit Text und Autor
- Freude am Text und Thema
Es ist hilfreich, sich vor dem Lesen Gedanken zu machen, welche Ziele erreicht werden sollen, um die passende Bearbeitung des Texts festlegen zu können. Außerdem ist es sinnvoll, sich Fragen vor dem Lesen zu überlegen, die durch das aktive Lesen eines Texts beantwortet werden sollen.
Textaufbau beachten
Damit wissenschaftliche Texte verständlicher sind, verwenden sie oft einfache, sich wiederholende Textmuster wie den Dreischritt von Ankündigung – Durchführung – Zusammenfassung (ADZ) (vgl. Lange, 2018).
Im Gegensatz zu nicht-wissenschaftlichen Texten, die bei den Lesern Spannung erzeugen sollen, erklären wissenschaftliche Texte bereits in der Ankündigung, was im restlichen Text geschehen wird. Dieses Vorwissen soll helfen, die folgenden Informationen und Argumente einzuordnen. Die Zusammenfassung am Ende eines Abschnitts oder Texts wiederholt die Hauptargumente und greift das Vorwissen auf, dadurch erfüllt sie ebenfalls eine Einordnungs- und Absicherungsfunktion für das Wissen. Darüber hinaus dienen Ankündigung und Zusammenfassung dazu, den Standpunkt und die Relevanz eines wissenschaftlichen Texts innerhalb der wissenschaftlichen Debatte zu verdeutlichen.
Der Dreischritt von Ankündigung – Durchführung – Zusammenfassung lässt sich auf der Ebene des gesamten Texts (Einleitungskapitel, Hauptteil, Schlusskapitel), in einzelnen Kapiteln (einleitender Abschnitt, durchführender Abschnitt, zusammenfassender Abschnitt) und oft auch innerhalb längerer Abschnitte finden. Dadurch wird der Text in leichter verständliche, inhaltlich geschlossene Einheiten „verpackt“. Die Ankündigungen und Zusammenfassungen von aufeinanderfolgenden Kapiteln und Abschnitten nehmen häufig aufeinander Bezug, sodass inhaltliche Übergänge zwischen den einzelnen Texteinheiten geschaffen werden. Oft wird im Text durch bestimmte Signalwörter explizit auf die Textstruktur und die Aufgabe eines Textabschnitts hingewiesen.
Allerdings folgen nicht alle wissenschaftlichen Texte diesem Muster. Je nach Textsorte (z.B. Lehrbuch oder Zeitschriftenaufsatz) oder Textabsicht (z.B. Kausalanalyse oder Vergleich) gibt es weitere verbreitete Textmuster.
Was meint "kritisches Lesen"?
Oft werden Studierende aufgefordert, Texte kritisch zu lesen. Dabei ist manchmal unklar, was eigentlich mit "kritischem Lesen" gemeint ist. In der Wissenschafts- und Alltagssprache hat das Wort "kritisch" verschiedene Bedeutungen. So kann "kritisch" z.B. im Alltag als eine negative Beurteilung, eine strenge Prüfung oder eine nach genauen Maßstäben durchgeführte Beurteilung gemeint sein. In der Wissenschaft wird mit "kritischem Lesen" oder "kritischem Denken" meist bezeichnet, dass Sie eine gewisse Distanz zum Gelesenen aufbauen und die Argumente, Belege und Methoden eines Texts gründlich prüfen und hinterfragen sollen. Das heißt, dass Sie sich beim kritischen Lesen mit einem Text auseinandersetzen und gegenüber diesem eine eigene Position entwickeln.
Dieser "organisierte Skeptizismus" (Merton, 1942) gegenüber wissenschaftlichen Argumenten ist eine zentrale Norm der modernen Wissenschaft. Damit ist gemeint, dass sich jede wissenschaftliche Behauptung der kritischen Überprüfung ihrer Grundlagen und Belege durch andere WissenschaftlerInnen stellen muss. Dabei zählen nicht persönliche Eigenschaften der AutorInnen wie Reputation oder Macht, sondern nur durch wissenschaftliche Methoden belegbare und ableitbare Aussagen.
Statt Bewunderung oder Ehrfurcht gegenüber Texten, die kompliziert geschrieben oder von bekannten und erfahrenen WissenschaftlerInnen verfasst wurden, ist also ein systematischer Zweifel gegenüber allen Texten notwendig. Dafür prüfen Sie z.B., ob die Argumentation logisch und schlüssig ist oder ob die Belege für die Aussagen stichhaltig und mit wissenschaftlichen Methoden belegt sind. Das Ziel des kritisches Lesens ist es, ein begründetes Urteil über einen Text und dessen Argumentation zu fällen.
Wie funktioniert "kritisches Lesen"?
Beim kritischen Lesen setzen Sie sich intensiv mit einem Text und seinen Aussagen auseinander, um zu einem begründeten Urteil über den Text und seine Aussagen zu gelangen. Von kritischem Lesen im engeren Sinne kann man erst sprechen, wenn man einen Text selektiv, gründlich oder analytisch liest oder eine komplexe Lesetechnik wie SQ3R anwendet. Beim sichtendem Lesen wird zwar die Relevanz des Textes für eine Fragestellung bewertet, nicht aber die Argumentation und die Aussagen selbst. Die Frage, wann eine kritische Lesehaltung erforderlich ist, muss im Hinblick auf das Leseziel beantwortet werden.
Voraussetzung für kritisches Lesen ist ein grundlegender Textüberblick, der durch überfliegendes oder sichtendes Lesen oder z.B. durch vorheriges gründliches Lesen erworben wurde. Um eine kritische Lesehaltung einnehmen zu können, benötigen Sie eine Distanz zum Text, die Sie durch systematische Fragen an den Text und seine Aussagen erzeugen. Die Fragen beziehen sich dabei z.B. an die Intention des Texts, seine Argumentationslogik, seine Annahmen und die Nachvollziehbarkeit der Belege. Es ist wichtig herauszufinden, auf welchen Vorannahmen der Text beruht, da diese nicht immer explizit genannt werden. Im Zweifelsfall sollten Belege und Informationen überprüft werden. Bei den Fragen an den Text und bei der Einschätzung und Bewertung des Textes greifen Sie auf Ihr Vorwissen zu Theorien und Methoden zurück. Hinweise zu möglichen Fragen finden Sie auf den folgenden Seiten. Nehmen Sie Ihre eigenen Empfindungen und Ideen beim Lesen ernst, denn sie können helfen, Schwächen oder Lücken in der Argumentation des Textes oder problematische Belege zu finden. Am Ende eines kritischen Leseprozesses sollten Sie in der Lage sein, ein begründetes Urteil über die Aussagen eines Textes abzugeben.
Hermeneutisches Schema
Die Hermeneutik bietet eine Methode, um die Bedeutung eines Texts anhand seiner sprachlichen Zeichen zu verstehen, zu interpretieren und zu beurteilen. Hierbei wird der Text gezielt auf bestimmte Aspekte wie seine Argumentation, seine sprachliche Darstellung oder seine Intention und Wirkung befragt und analysiert. Das folgende hermeneutische Schema von Stary/Kretschmer (2004: 74) zeigt Fragen, die für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gelesenen gestellt werden können.
Literatur
Lange, Ulrike (2018): Fachtexte. Lesen - verstehen - wiedergeben. 2. Aufl. Paderborn: Schöningh.
Merton, Robert K. (1942): The Normative Structure of Science. In: Merton, Robert K. (1973): The Sociology of Science. Theoretical and Empirical Investigations. Chicago/London: The University of Chicago Press. S. 267–278.
Stary, Joachim & Kretschmer, Horst (1994): Umgang mit wissenschaftlicher Literatur. Eine Arbeitshilfe für das sozial- und geisteswissenschaftliche Studium. Berlin: Cornelsen Scriptor.